„für Sophia und Jonas“

eine Geschichte für Kinder, aber auch für Menschen, die Träume verstehen möchten und
bereit sind, achtsam ihren eigenen Weg zu finden, in einer Welt voller Veränderungen.

Es war einmal ein schwarz-weiß getupftes Ei. Es lag auf einem Felsenvorsprung unter der
Erde. Aus dem Ei schlüpfte jedoch kein Vogelküken sondern ein kleiner blauer Drache.

Er wuchs nur wenig, wurde aber von Tag zu Tag kräftiger und sehr neugierig. Eines Tages
bemerkte er, dass er Feuer spucken konnte. Der kleine blaue Drache erschrak sehr, als er
sah, was dann passierte. Sein Feuer verwandelte alles. Aus einem Baum wurde ein
lebloser Strunk und Asche, die Blätter verkohlt, grau und unansehnlich. Aus den Blumen
wurde Erde, nichts blieb unverschont. Die Tiere im Wald mussten flüchten, und sie
nannten es Zerstörung. Alle großen und kleinen Lebewesen im Wald und auf den Wiesen
und Feldern fürchteten sich und liefen weg. Selbst die Vögel suchten das Weite und flogen
schnell davon. Die Bäume konnten nicht weglaufen. Sie zitterten und wurden starr und
blass vor Schreck, sobald sie den kleinen blauen Drachen erblickten. So hatte der kleine
Drache keine Freunde. Darüber war er sehr traurig. Einsam streifte er Tag und Nacht
durch Felder, flog über Wiesen und Wälder. Er durchwanderte viele Berge und Täler.
Eines Nachts saß er an einen Felsen gelehnt, um ein wenig zu schlafen.

Plötzlich bemerkte er in der Finsternis ein strahlendes Licht. Das Licht wanderte umher
und kam schließlich immer näher. Regungslos, um das fremde Wesen nicht zu
erschrecken, blieb der kleine Drache sitzen. Eine goldene Lichtelfe flog direkt auf ihn zu
und setzte sich zu ihm. Der kleine Drache war nun hellwach. Er freute sich, weil er nicht
mehr alleine war. Die freundliche Elfe lachte und plauderte mit ihm. Schließlich fragte sie
ihn: „Warum bist du so traurig“? Der kleine blaue Drache erzählte ihr von seiner
Einsamkeit und wie unglücklich er war, weil er keine Freunde hat. Er klagte: „Alle fürchten
sich vor mir, sie denken – ich bin böse. Sie haben Angst, weil mein Feuer alles zerstört. Ich
fürchte, dass es auch dich in Staub verwandeln könnte“. Die goldene Lichtelfe lachte und
strahlte dabei noch ein wenig heller als zuvor. Sie sagte zum kleinen blauen Drachen: „Ich
habe keine Angst vor deinem Feuer. Sei nicht traurig, dein Feuer ist deine Bestimmung.
Hüte es wie einen Schatz, du wirst es eines Tages brauchen“. Danach flog sie im Dunkel
des Nachthimmels strahlend davon. Sie kehrte heim zu den Sternen in der Nacht. Der
kleine blaue Drache blickte ihr noch lange nach, so lang, bis nur mehr ein kleines
Lichtpünktchen in der Finsternis am Himmel zu sehen war.

Nach dieser Begegnung schaute der kleine blaue Drache oft in den Himmel, besonders in
der Nacht. Er sah die Sterne leuchten und dachte dabei immer an die schöne Elfe.
Eines Tages, es war Winterzeit, begann es plötzlich und heftig zu schneien. Dicke Flocken
fielen vom Himmel und bedeckten das ganze Land. Felder, Bäume, Häuser und der Wald
waren tief verschneit. Kälte erfasste das Land und die Menschen. Ein gewaltiger
Schneesturm verwehte alle Straßen, Wege und Pfade. Man konnte nicht mehr klar sehen,
und alles sah plötzlich verändert aus.

Da entdeckte der kleine Drache plötzlich zwei Menschenkinder, die im dichten
Schneegestöber herumirrten. Sie waren müde, sie froren und sie hatten Angst. Es wurde
auch schon Abend, und die Dunkelheit breitete sich über das Land. Vorsichtig landete er
vor ihnen im Schnee und fragte: „Wie heißt ihr denn?“ „Ich heiße Samira und das ist mein
Bruder Jan“, sagte das Mädchen. „Wir haben uns verirrt und finden den Weg nicht mehr
nach Hause, alles sieht so fremd aus“.

Plötzlich erkannte der kleine blaue Drache seine Bestimmung. Er wusste auf der Stelle,
was zu tun war. Er hatte ja sein Feuer, viel Feuer. Die Tiere des Waldes hatten die
frierenden Kinder ebenfalls beobachtet. Sie vergaßen ihre Angst. Alle kamen schnell mit
einem Stückchen Holz herbei geeilt. Allen voran Fuchs Ferdinand und ein brauner Hase,
den alle einfach Hoppelmopp nannten. Die Rehe und Dachse waren besonders tüchtig,
aber auch die anderen Tiere und sogar die Vögel, Meisen, Finken und Spechte, halfen mit.
Eine Eule mit spitzen Ohren und riesigen Augen organisierte, auf einem Ast sitzend, die
ganze Aktion. Geschlichtet war es ein großer, stattlicher Haufen Holz.

Der kleine blaue Drache holte tief Luft und blies, was das Zeug hielt. Er spuckte eine
Menge Feuer und das Holz brannte im Nu. Ein Eichkätzchen, durch den Tumult
aufgewacht, lugte aus seiner Schlafhöhle. Es blinzelte, konnte nicht fassen, was da los
war, und flitzte schließlich vom Baum. Emsig suchte es nach seinen, im Schnee
vergrabenen Nüssen. Schließlich sollte es auch etwas zum essen geben, ein hungriger
Magen tut weh. Die Nüsse schmeckten köstlich. Dabei erzählten sie sich ihre Erlebnisse
und viele Geschichten, der kleine blaue Drache, die Kinder und die Tiere des Waldes.
Gemeinsam waren sie fröhlich, denn das Feuer wärmte sie bis ins Herz. Schließlich waren
alle müde und schliefen ein. Der Dachs schnarchte laut wie ein Bär und im Schein des
Feuers träumten alle einen eigenartigen Traum.

Der kleine blaue Drache sah die Sterne, sein Herz polterte wild, als er bemerkte, dass
seine goldene Lichtelfe neben ihm Platz genommen hatte. Sie hatte noch vier andere
kleine Wesen mitgebracht, die sich ebenfalls am Feuerplatz niederließen. Einige glätteten
vorsichtig im Schein des Feuers ihre bunt schillernden Flügel. Eines der Wesen besaß
Flugschuhe an den Füßen und ein anderer, seltsam fremd aussehender Elf mit einem
roten Halsband hatte gar kleine Hufe. Die Tiere freuten sich und lächelten, während sie
träumten. Sie kannten diese Wesen, die ihnen schon geholfen hatten, besonders wenn sie
in Gefahr waren. Jan und Samira staunten träumend, als die fremden Wesen begannen,
ihre Geschichten zu erzählen. „Wir sind uralt“, raunten sie, „ihr Menschen habt uns lange
vergessen. Dennoch kennen und begleiten wir euch von Anfang an. Wir sind fast so alt
wie die Erde und wir kennen keine Zeit, nur den Moment“. Der grüne Baumelf mit dem
roten Halsband und den Hufen sprach zuerst. „Es ist immer dasselbe“, sagte er: „Was
gewesen ist vergangen, was kommt, ist noch nicht reif, was wirklich zählt, ist der Moment.
So wie gerade jetzt, wo wir hier am Feuer sitzen und gemeinsam die Nacht verbringen“.
„Ich möchte eure Geschichten hören“, sagte Jan leise murmelnd im Traum.

„Jeder hat seine eigene Geschichte“, sagte der Elf mit den rot schillernden Flügeln.
„Ich bin Sparky oder Fünkchen, ein Feuerelf eben“, erklärte er stolz. „Früher lebten wir wild
in Vulkanen und wir sind ein leidenschaftliches Volk. Nun, ich bin sehr modern, ich kenne
euer Zuhause. Bevorzugt lebe ich nun in Glühbirnen, früher hatten wir die nicht. Auch in
Kaminen war ich häufig zu finden. Nun aber werden eure Häuser nicht mehr mit Kaminen
gebaut, leider. Auch eure modernen Lampen sind nicht mehr das, was ein Feuerelf für ein
behagliches Zuhause braucht. Wir sind überflüssig geworden“, sagte er traurig. „Nein, du
bist mein Freund, für immer und ewig“, rief der kleine blaue Drache und setzte sich zu ihm,
nahe dem Feuer.

„Du hast es dennoch besser erwischt als ich“, sagte die zart blau schillernde Wasserelfe,
die am anderen Ende, mit etwas Abstand zum Feuer, Platz genommen hatte. „Uns
schenken die Menschen gar keine Aufmerksamkeit. Sie verbrauchen eine Menge Wasser.
Gedankenlos verschwenden und verunreinigen sie es jeden Tag, weil es so
selbstverständlich aus ihren Leitungen kommt. Dabei gäbe es ohne uns kleinen
Wasserelfen schon längst kein gesundes Wasser mehr auf dieser Erde. Wir reinigen es
und formen es zu wunderschönen Kristallen. „Wieso kann man die nicht sehen“, fragte
Samira. „Oh ja, manchmal kann man die Kristalle sehen“ erklärte die Wasserelfe. „Sie
sehen aus wie Eisblumen an Bäumen, Autoscheiben und Fenstern, wenn es friert“. Die
Tiere nickten im Traum und dachten an die Quellen und Flüsse, wo sie Wasser trinken
konnten und davon immer wieder neu gestärkt wurden.

„Manche Tautropfen am Morgen reisen weit und müssen sogar in den Himmel fliegen. Wir
Wasserelfen begleiten diese kleinen Tautröpfchen, formen Wolken und begleiten diese als
Regentropfen auf ihrem Weg zurück zur Erde. Und ab und zu, wenn wir Spaß haben und
die Sonne mit uns spielt, tanzen wir mit unseren Flugschuhen, dann seht ihr einen
Regenbogen“. „Ach, darum hast du Flügelschuhe“, bemerkte gähnend Fuchs Ferdinand
und seine Zähne blitzen im Glanz des Feuers. Er hatte nur mit einem Ohr zugehört. „Keine
Angst, ich bin satt und habe mich nur gefragt, wozu ihr so große Flügelschuhe braucht“.

„Meine Geschichte ist kein Witz“, sagte der grüne Baumelf mit dem roten Halsband zornig
und scharrte mit seinen Hufen ein paar lose Zweige zum Feuer hin. „Maschinen rattern
und knattern, poltern und holpern auf riesigen Walzen durch unsere Wälder. Zapp, zapp,
blitzschnell fällen sie unsere Bäume, und das Schlimme daran ist: Die Maschinen warnen
uns nicht, welche Bäume sie fällen. Viele kleinen Tiere und Baumelfen verlieren so ihre
Heimat und können nicht mehr rechtzeitig umziehen. Starr vor Schreck und Entsetzen
bleiben sie mit dem gefällten Baum liegen und erholen sich nicht mehr. Nur der Heilkunst
der Lichtfeen ist es zu verdanken, dass mein Volk noch nicht ausgestorben ist. Früher
haben die Holzfäller mit uns gesprochen, bevor sie einen Baum gefällt haben, aber das ist
Vergangenheit“. Eine große Träne rollte ihm über sein zerfurchtes Gesicht.

„Ja, Ja, auch wir haben bessere Zeiten gesehen“, meldete sich der braune Erdelf nun zu
Wort. Er war bisher still im Hintergrund geblieben. „Ich heiße Ixi“, stellte er sich vor. „Was
für ein seltsamer Name, Pixi heißt du?“ fragte das Eichhörnchen. „Nein, ich heiße Ixi“,
stellte der Erdelf klar. „Mein Name ist so kurz, weil ich schnell zur Stelle sein muss, ja, ja.
Meine Aufgabe ist sehr ernst. Genau gesehen ist sie riesengroß und meine Familie
ebenfalls. Wir flechten und reparieren ständig Netze rundum und in der Erde“.

„Warum das“?, fragte das Eichhörnchen. „Warum, warum wohl“, entgegnete Ixi
ungeduldig. „Damit nicht alles aus dem Gleichgewicht gerät, ja, ja, das ist mühevoll. Wir
Erdelfe müssen überall und immer sofort zur Stelle sein, und gefährlich ist es auch. Die
Menschen mit ihren großen Maschinen graben gedankenlos Löcher in die Erde. Sie holen
unsere Steine und alles mögliche aus der Erde. Dabei verwüsten sie alles und zurück
bleibt eine tiefe Wunde. Auch ihre Abfälle vergraben sie in Löcher und glauben, dass so
der Mist aus der Welt geschafft ist. Ja, ja, so alt können wir Erdelfe gar nicht werden, bis
dass alles wieder in Ordnung kommt, es ist zum Aus der Haut Fahren“.

Die Nacht verging schnell und langsam kroch die Morgenröte in den Himmel und kündigte
den neuen Tag an. Es wurde bereits hell. „Bevor wir ganz aufwachen, lasst uns schnell die
Träume einfangen“, schlug der kleine blaue Drache vor. „Vielleicht können wir ein paar
Traumgeschichten mitnehmen und sie weitererzählen“, sagte Samira. „Oder wir stecken
sie in einen Traumsack“, sagte Jan spontan. Eine gute Idee, fanden auch die Tiere des
Waldes.

Eine Amsel begann mit dem Morgenkonzert. „Wir singen täglich neue Lieder“, immer
wieder, damit wir wissen, wer wir sind“. “Sehr seltsam“, murmelte Hoppelmopp. Alle
wussten, mit dem Morgengrauen nahte auch der Abschied.

Erdelf Ixi verabschiedete sich verneigend mit einem Mondstein, den er sanft auf den
Boden legte. Die Wasserelfe überreichte einen Eiszapfen aus Glas. Ein goldener
Fichtenzapfen als Geschenk vom Baumelf, purzelte vor die Füße der Kinder und eine
kleine Glühbirne in Schneckenform vom Feuerelf kam auch noch hinzu. Leise
verschwanden sie in Richtung einer Waldlichtung. Einige Tiere des Waldes hatten sich
schon in der Morgendämmerung leise auf den Weg zurück in den Wald gemacht. Auch der
schnarchende Dachs war nun aufgewacht und robbte durch den tiefen Schnee davon.

Jan und Samira packten alle Geschenke vorsichtig in ihren Rucksack. Der kleine blaue
Drache, Fuchs Ferdinand und sein Freund, der Hase Hoppelmopp begleiteten die Kinder
auf ihrem langen Weg nach Hause zurück. Die Eltern von Jan und Samira waren
überglücklich und mit ihnen freute sich das ganze Dorf.

Aus Freude und Dankbarkeit feierten sie zusammen ein wunderschönes Fest. Sie
zündeten Kerzen an, schmückten einen Lichterbaum mit roten Bändern zur Erinnerung
und als Dank für die Baumelfen. Sie hängten golden leuchtende Sterne, Eiszapfen aus
Glas und goldene Fichtenzapfen in die grünen Zweige. Kugeln aus zerbrechlichem Glas,
schimmerten sanft im Kerzenschein. Kleine Federn zierten den Baum und hinzu kamen
ein Paar Flugschuhe und die Wünsche der Menschen: „Friede auf Erden, für alle Kinder
dieser Welt“. Von der Spitze des Baumes schimmerte der Mondstein, nur die Glühbirne
vom Feuerelf wurde zur Sicherheit auf den Tisch gestellt.

Sie aßen süße Kekse und tauschten kleine Geschenke aus. Alle Elfengaben sahen auf
dem Baum wunderschön aus. Samira und Jan dachten an ihre Freunde die Elfen und an
die Tiere des Waldes. Es war nicht nur ein Traum. Dankbar sangen sie gemeinsam mit
den Eltern und Freunden Lieder und nannten das Fest „Weihnachten“.

Der kleine blaue Drache schaute aus der Ferne zu. Er war nun glücklich und sehr müde.
All sein Feuer hatte er verbraucht, nun saß er einfach da und schließlich schlief er ein.
Schnee bedeckte ihn. So verwandelte sich der kleine blaue Drache nun wieder zurück in
ein schwarz-weiß getupftes Ei. Geschützt und versteckt lag es in der Höhle, an einem
Felsen, den ganzen Winter lang. Der nächste Frühling kam ins Land. Der viele Schnee
und das Eis waren bald verschwunden. Die ersten Sonnenstrahlen wärmten auch das Ei
am Felsen. Gleichzeitig erwachten Wiesen, Wälder und Felder aus dem Winterschlaf. Die
Bäume hüllten sich in einen hellgrünen Blättermantel.

Eines Tages bekam das Ei am Felsenrand einen Sprung und heraus schlüpfte ein
schillernder, blauer Schmetterling. Die Sonne wärmte seinen zarten Körper und hauchte
ihm Leben ein. Durch einen Tautropfen gestärkt, breitete er seine Flügel aus und flog
davon. Die Sonnenstrahlen begleiteten ihn noch ein Stück weit durch den Himmel, bis hin
zum Horizont, wo er nicht mehr zu sehen war. Wahrscheinlich segelte er von einem
sanften Wind getragen hin zur nächsten Blumenwiese.

Antonia Wöhrer
im Juni 2018